Montag, 23. Dezember 2024
Montag, 28. Oktober 2024
Fata Morgana
Es ist schon wieder dunkel geworden. Im Winter vergeht der Tag eben so schnell. Entschuldigung, ich habe mich noch nicht vorgestellt. Ich bin Maria, was bringt dich zu dieser Kneipe?
Sag etwas, dachte ich. Ich weiß nicht, warum ich hier bin. Es ist, als hätte ein namenloser Gott mich aus den Haaren gezogen und mich hier gesetzt. Frauen sprechen mich nicht sonst an. Ach ja, Maria. Maria… Kneipe, hier.
„Ja, wollte eben nach der Arbeit… ein wenig loslassen,“ setzte ich zusammen.
Ah, über die Arbeit sollten wir also am besten nicht reden, verstehe.
Sie hat wunderschöne Augen.
Du bist also nicht oft hier? Dich habe ich auf jeden Fall nie gesehen; nicht dass ich jeden hier kenne, verstehe mich nicht falsch, also…
Sie drehte sich zu ihrem Weißweinglas um. Ihr Territorium am Glasrand hat sie deutlich, aber nicht absichtlich, mit hell-rotem Kuss markiert. Sie trug eine weiße Tasche mit einem goldenen Rand. Ihre Jacke war warm, ich meine braun. Eine warme Farbe. Ihre dunkelrote Bluse aus Wolle hat bestimmt viel gekostet. Sie ließ sie sich leisten, weil sie so gut daran aussah.
"Das ist mein erstes Mal hier, de facto, ich habe mich irgendwie verlaufen. Diesen Teil der Stadt kenne ich gar nicht.“ Hinter dem Tresen funkelte eine Eiskugel, die der Barmann in einem Glas drehte. „Ich weiß nicht, wie ich in dieser Kneipe gelandet bin. Ich weiß auch nicht, wohin ich wirklich hin sollte.“
Du redest wie ein Kind, das seine Mutter verloren hat. Ich hörte, wie sie kicherte, sie drehte sich dann wieder zu mir. Bist du verloren, großer Mann? Dann lachte sie.
Du bist hier, um zu trinken! Eine Tequila für den Herren, bitte!
„Wasser,“ murmelte ich. Wurde, dem Murmeln gerecht, ignoriert. Mein Hals ist trocken. Sie zahlte, dann sprang weg von dem Stuhl, ich trank meine Tequila, sie tanzte. Ich schaute sie an. Harmonische Bewegung, schüchterne Schritte, gelassenes Gesicht, deutliches Lächeln. Die braun-roten Locken. Sie sah zauberend aus. Aber wie bin ich hier gelandet, und warum ist mein Hals so trocken. Wohin sollte ich hin, wenn ich nicht mal weiß, wo ich bin. Das Lied spielte weiter. Maria guckte mich an. Ich stand auf und habe ihre Schritte gefolgt, die immer weiter weg tanzten. Ich schaute sie nicht an, nur ihre Beine, ihre Schritte. Sie kannte das Spiel, sie kannte das Lied und … sie kannte die Schritte. Ich habe sie nur gefolgt.
Es ist immer so kalt im Winter. Ich denke immer darüber nach, in einen wärmeren Ort umzuziehen. Wie Spanien. Sie sagte das, und rieb ihre Hände zusammen. Spanien ist schön, dachte ich, aber so weit weg möchte ich nicht gehen. Nicht, dass irgendwer hier mich vermissen würde. Nicht, dass es all meine Probleme lösen würde. Komm! Worauf wartest du denn? Ich suchte, von wo das Geräusch kam. Da war die Silhouette einer attraktiven Frau am Straßenrand. Maria. Sie wusste, wohin zu gehen. Ich folgte die Schatten ihrer Schritte, die pulsierend deutlicher wurden, je nachdem ob ein Auto vorbeifuhr. Du bist so seltsam, warum sagst du denn nichts? ,,Mir ist es zu kalt, entschuldige mich…“ sagte ich laut. Der Alkohol hat da wirklich nicht geholfen. Komm, schneller, ich weiß, wo es warm ist! Sie wusste, wo es warm war. Sie kannte die Stadt, sie kannte die Wege, sie kannte die Läden.
Es ist mir so kalt im Schnee. Ich hätte mich anders anziehen müssen, wusste ich denn nicht, dass es draußen dunkel und kalt ist? Ich kann meine Füße nicht spüren. Die Sonne ging auf. Ich kann jetzt besser sehen, aber es ist noch so kalt. Ich kann Maria nicht finden. Sie hat mich hier verlassen, Gott weiß, wo ich bin. Die Straßen sind leer, die Lichter sind aus. Warum ist es so trocken in meinem Hals? Wo ist Maria hin. Ich suchte die braune Jacke, die weiße Tasche, die führenden Schritte. Ich suchte, wo es warm ist. Es ist so kalt im Winter. Vielleicht sollte ich nach Spanien umziehen, davor sollte ich aber mein Zuhause finden.
Freitag, 4. Oktober 2024
Getaktete Liebe
Jede Sekunde eines Lebens ist ein Buchstabe eines Wortes. Jedes Wort ist Teil eines Satzes. Und alle Sätze zusammen machen ein Buch, das ist das Leben. Keine Sekunde vergeht, ohne dass die nächste Sekunde vorbestimmt wurde. Deshalb schreibe ich ein „E“ nach „L“, danach „B“ und „E“ und „N“. Sekunde nach Sekunde wird ein Wort fertig. Wort nach Wort wird die Seite des Tages angefüllt.
Das ist natürlich unfair. Eine Welt voller Wörter erlaubt keine Farben. In einer Welt, in der wir Liebe finden sollten, dürfen Wörter nicht so viel Macht haben. Jede Sekunde ist Teil eines Wortes, und jedes Wort verändert den Satz, und ein Satz reicht für eine neue Geschichte.
Es ist nicht fair, dass Wörter so viel Macht haben.
Für eine Welt, wo Liebe herrschen sollte, ist diese Welt viel, viel zu schnell. Eine Sekunde reicht, um ein neues, falsches Wort zu erschaffen. Ein falsches Wort reicht, um Liebe ganz und gar auszulöschen.
Sonntag, 26. Februar 2023
Auftragskiller (Teil I)
Hier lebt Jonathan. An der abgelegten
Peripherie von Berlin. Jonathan war ein junger Mann, der endlich nicht mehr bei
den Eltern lebte, sondern allein. Die Ruhe, die Einsamkeit und die Dunkelheit
gaben ihm ein Gefühl der Sicherheit. Aber er hasste sein Leben, denn bisher hat
er nichts Bedeutsames gemacht, und er findet auch keinen Zweck dazu.
Die Bedeutung des Lebens beschäftigte ihn
sehr, denn er versucht immer wieder etwas zu finden, an dem er gut ist, an dem
er allen besiegen kann. Jonathan war ein Loser, ein Nichtstuer und ein Nichtskönner.
Das wüsste er, und jedes Mal, wenn er versucht, etwas dagegen zu tun, scheitert
er, und landet wieder an dem Punkt null.
„Wenn nichts im Leben bedeutsam ist, dann ist
das Leben nicht so wertvoll, wie viele behaupten“, denkt Jonathan immer wieder.
Er habe keine Angst vom Tod, er würde sehr leicht jemanden töten, wenn er es
müsste. Er sei stark, kaltblütig, ruhig und klug. Das sind einige Sachen, die
Jonathan sich wiederholt einbildete.
Heute ist es Sonntag, Jonathan liegt im Bett,
sein Laptop recht daneben. Heute wollte er ein wenig Spaß haben. Er umarmte
sein Kissen, weitete seine Beine auseinander aus, und lag auf seinem Bauch.
Seine Pupillen engten sich. Das Laptop
startete. Er schaute auf seinen Feed, Familie, Freunde, Memes, und das
wiederholt. Jonathan hatte heute etwas anderes im Kopf. Er wollte Adrenalin. Er
wollte Lebensenergie. Er wollte etwas Spannendes diese Nacht haben.
Obwohl Jonathan nach einem Mann klingt, der
noch in der Pubertät lebt, lebten in ihm die Scheiben, die in dieser Phase
entstanden. Jedes Hassgefühl, jede Verletzung, jedes Trauma, alles in Einem
lebte in ihm. Er ließ sein Gehirn gerne betäuben. Sei es mit Videospielen,
Videos, oder auch: Gore.
Das „Dark Web“ ist ein Teil des Internets, wo
man Anonym bleiben kann. Man ist wahrscheinlich mit dem World Wide Webs
familiär. Jeder Link führt zu einer Webseite, die von einem Server irgendwo auf
der Welt gehostet wird. Im Dark Web aber sind die Webseiten nicht öffentlich
verlinkt, sondern aus mehreren Computern von überall auf der Welt gleichzeitig.
Man kann also den Ersteller einer Webseite theoretisch nicht finden. Als Nutzer
des Dark Webs wird man dann auch anonym, da man durch die Nutzung einer
bestimmten Software aus mehreren Computern gleichzeitig eine Webseite zugreift.
Das erlaubte vor allem Perverser und Kriminelle ein wenig Freiheit. Bezahlt
wird normalerweise mit Bitcoin, eine digitale Währung, dank der anonymen
Transaktion. Die größten Drogenmarkte befinden sich im Dark Web.
Das wüsste Jonathan natürlich. Und das
Software hatte er schon installiert. Sein Ziel war, sich optisch zu
befriedigen. Er tippte „Gore“ und suchte durch verschiedene Foren, wo Nutzer
Fotos von Leichen posteten: Leute, die auf der Straße getötet wurden, oder
deren Körper in einer Leichenhalle liegt, oder aufgehängt sind. In anderen
Foren gab es sogar Videos von Kriminellen, die Menschen enthaupteten oder
lebendig brennten. Das waren meistens Gangmitglieder oder politische Truppen. Manche
Nutzer bearbeiteten die Videos, in dem die manchen zusammenkombinierten,
Leichen sexualisierten oder sich um die Opfer lustig machten.
Jonathan beteiligte sich daran nicht.
Innerlich fand er, was er sah, erschreckend, jedoch gab ihm genau dieses
Gefühl, nicht daran beteiligt zu sein, ein Gefühl der Lebensfreude und
Selbstwertgefühl. Also schaute er weiter, und je mehr Bilder er sah, desto
normaler schienen sie für ihn.
Er wechselte die Webseite. Nun war er
neugierig. Er suchte nach einem Markt und landete auf die Hauptseite: Drogen.
Es gab Kokain, Cannabis und andere, von denen er noch nie hörte. Eine
Unterkategorie: Dienstleistungen. Da könnte man Geld oder Ausweise fälschen.
Andere Unterkategorie: Waffen. Von Kleinwaffen bis zu Sturmgeschütz. Es schien
so simpel, so schrecklich simpel, dass Jonathan es nicht glaubte. Es war wohl
sein erstes Mal auf dem Dark Web. Die absurde Einfachheit des Ganzen ließ ihm
hinterfragen, ob das alles legitim ist. Ob er ein Produkt echt haben könnte,
wenn er es bezahlt und eine Adresse eingibt. Ein paar null Komma etwas von
Bitcoin hatte er schon gespart. Aber er wollte es nicht darauf verschwenden. Er
hatte nichts Besseres, wofür er sparen könnte, aber Drogen machte er nicht und
töten möchte er niemanden.
„Oder doch?“ Dachte er. Gibt es Auftragskiller
im Dark Web? Er tippte die Wörter, und er fand die Webseite: KillForMe, das war
der Titel auf der Webseite. Sehr kurios mit einem dunklen Hintergrund und
dunkelrotem Interface gestaltet. Am Banner gab es eine Galerie mit Bildern von
Waffen, vermummte Individuelle, zensierte Leichen und mit Kugeln durchbrochene
Fenster. Darunter zwei bis drei Paragrafen „Über uns“. Jonathan glaubte seinen
Augen nicht. „Wir akzeptieren Aufträge von überall auf der Well“, „Wir
erledigen den Job schnell und behutsam“, „Man wird danach nicht nachverfolgt“,
„Gibt uns Name, Adresse, Foto oder irgendwas, mit dem wir etwas anfangen
könnten, und sitze ruhig“, „Foto Beweise nach Auftragsende“.
Das Leben eines Menschen war einen Knopfklick
Wert, dachte Jonathan kritisierend. Auf der Webseite standen keine Preise, man
solle zuerst den Job besprechen, dann werde ein Preis in Bitcoin vorgeschlagen.
Es sei komplett anonym, und es werde nach keinen persönlichen Daten gefragt.
Ziemlich überzeugend. „Wir wissen nichts über dich, wir können deshalb nicht
die Bundespolizei sein“.
Jonathan war aufgeregt. So viele Spannung auf
einmal hat er seit langem nicht mehr erlebt. Er wollte noch tiefer erkunden. Er
klickte auf „Chat beginnen“ und wartete darauf, dass einer der Auftragskiller
ins Chat-Kanal kam. Es dauerte ein paar Minuten, bis er ein „Hallo, wen sollten
wir töten? Bitte zuerst Ort und Datum eingeben, um einen Preisvorschlag zu
machen“ als Antwort erhielt. Der Auftragskiller hatte den Pseudonym „Grompy“.
Grompy brachte es auf den Punkt. Jonathan war es plötzlich bange. Er fühlte
sich beobachtet, und fühlte eine plötzliche Bedrohung. Er liebte es aber.
Dieses Gefühl, das mochte er. Er schrieb: „Berlin, nächsten Freitagabend“ und
klickte auf Senden. Nach den gleichen Minuten wie vorher antwortete Grompy: „0,022
Bitcoin auf mxyQm7iVFyHqvVpPJ6km5bkmapUp6Eb5sn, stelle es in der
verzögerten Sendung, sodass wir den Betrag erst dann erhalten, wenn der Job zu
Ende ist und wir das Beweisbild schicken. Wir müssen aber sicherstellen, dass
du zahlen kannst.“
Jonathan war völlig perplex. 0.022 Bitcoin
könnte er es sich leisten. Für ein Abenteuer, warum nicht? Er dachte aber, so
viele Menschen kennt er gar nicht, auch nicht Jenigen, die er töten würde. Es
müsste jemand sein, der nah von hier lebt, damit er das Killen miterleben kann,
damit er dien Auftragskiller sieht. Er würde dann den Killer stoppen und die
Polizei benachrichtigen. Diese Killer seien doof, sowas in einem Land wie
Deutschland zu betreiben. Denken sie wirklich, sie könnten einfach töten und davonkommen?
Er dachte zu sich. Er schrieb dann: „Jonathan Kristopher, 22 Jahre,
alleinlebend, Ringpromende 20, Falkensee“
Jonathan verzögerte kurz, sendete aber
entschlossen die Nachricht. „Ist sowieso wahrscheinlich nur eine Abzocke“,
dachte er. „Wie sieht er aus?“. Jonathan sendete dann ein Foto von sich. „Hat
er Kinder, die ihn rechen wollen würden?“. Das ist doch unmenschlich, die
würden die Kinder auch töten? Dachte Jonathan. Das Adrenalin fließ. Eine
Mischung aus Hass, Wut, Selbstwertgefühl und Stärke überfüllte ihn. „Nein“
antwortete er. „Ok, wir bekommen den Job bei Freitag hin“.
[Zahlung bestätigt. Status des Auftrags: In
Vorbereitung]
Freitag, 23. Dezember 2022
Mein Spiegelbild
Montag, 18. Juli 2022
Zen Traum
Ich bleibe und der Zug fährt weiter. Ich beobachte die Passagiere. Wir kommen in einem Dorf an und ich steige aus. Es gibt einen Flohmarkt. Der ganze Ort sah wie ein Slum aus. Alle waren nett, und der Lokführer am nettesten. Er war ein wenig wie einen bekannten besten Freund. Ich habe für ihn deshalb ein Zugführer T-Shirt gekauft, was er tatsächlich liebte, obwohl es zu klein gewesen ist.
Ich habe mich im Traum entspannt und glücklich gefühlt. Es war ein Raum voller Nachdenken und Frieden. Ich wollte nicht aufwachen.
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Dieser Traum stellt eine bewusste Vorstellung von mir dar: Ich steige in einem unbekannten Zug von einem und zu einem unbekannten Ort. Eine lange Reise nur zum Nachdenken und zum Lesen.
Montag, 4. Juli 2022
Im Zug
Nein, nur ich bin hier daneben, bitteschön
Danke, mein Junge. Nah, wo geht's hin?
Mit dem Zug
Ja, wohin?
Hierhin
hier?
Ja
Wo ist hier?
Im Zug
Aber wohin geht der Zug?
Ich weiß es nicht, aber ich bin hier
Woher kommst du, Junge?
Aus dem Zug
Wo war der Zug?
Er war schon immer hier
Aber er ist ständig in Bewegung!
Nein, der Zug ist immer hier, sonst wäre ich nicht mit ihm! Solange ich diese Türen nicht durchtrete, werde ich auch nur hier sein, und der Zug hier mit mir.
Und das Leben?
Dieses ist ständig in Bewegung, da kann ich nicht mit bleiben. Aber hier! Hier bin ich einfach hier, und kann hier bleiben. Der Zug mit mir.
Reisender
Der Vater lehnte sich nach vorne: "Dann ist es unsere Stadt? Willst du so viel von unserer Stadt sehen, wie es möglich ist?" "Noch größer, Vater!" "Das Land!", schrie der Vater, "Du willst durch das Land! Durch jedes Haus, jede Nachbarschaft und jede Stadt! Du willst die südlichen Bergen hinauf, die breiten Flüssen hindurch und die längsten Felder herüber! Ist das für dich die Welt?"
Der Junge schaute seinen Vater an und dachte für sich. "Nein, das ist es nicht", antwortete der Vater abschließend.
Reisender kam zu mir in einem nicht so unterschiedlichen Zustand wie dein. Er erzählte mir, dass er von der Welt noch nicht genug gesehen hat, dass es noch viel zu viele Sachen zum Erkunden gibt. Aber Reisender verließ nie die Stadt. "Möchte ich, brauche ich auch nicht" sagte er mir. "Mein Vater sagt, dass die Welt von hier anfängt, und hier schließlich endet". Dabei zeigte er mit dem Finger auf die Brust.
